Kingpapers


Wertpapierbericht:

Berichte und Meinungen zum Sammelthema Historische Wertpapiere, rein subjektiv, möglichst gut recherchiert, aber ohne Gewähr für die Angaben.



Die Bayerische Zuckerwarenfabrik in den letzten Jahren:

Gegründet wird die Bayerische Zuckerwarenfabrik in München von Herrn Josef Aichbichler, Königlicher Ökonomie-Rat, Guts- und Brauereibesitzer zu Wolznach bei München, dem Herrn Kommerzienrat Georg Leinfelder sowie den Herren Richard Weigl und Arthur Weigl, letzterer zugleich voegesehen als Geschäftsführer.

Die Herren Räte einerseits und die Familie Weigl andererseits - offenbar eine jede Seite mit 115.000 M Stammkapital beteiligt - wollen einen neutralen Dritten beteiligen, der die notwendigen Anteile bekommt, um das allbekannte Zünglein an der Waage sein zu können. Beteiligt wird die Bonner Industrie Gesellschaft G.m.b.H., Geschäftsführer Herr Josef Senger, mit einem Beteiligungskapital i.H.v. 10.000 M.

Wir wissen nicht, ob es in der Gesellschaft Streit oder Unfrieden gegeben hat. Die Geschäfte liefen jedenfalls nach 1905 nicht gut genug. An den weiteren Gesellschaftern vorbei verkauft am 24. Februar 1906 die Bonner Industrie Gesellschaft G.m.b.H. ihren Geschäftsanteil an Frau Anna Enk, geb. Aichbichler, die - so heisst es in der Urkunde - geschäftlose Ehegattin des Herrn Eduard Enk, München, Anverwandte des Brauerei- & Gutsbesitzers mit dem Titel des Königlichen Rats. Preis 4.000 M, also nur 40 Prozent des Nennwertes. Ausfertigung der Urkunde nebst Kostenrechnung des Notars über 23,80 M (da kann man auf dreiste Gedanken angesichts der heutigen Beurkundungskosten kommen !) liegt uns vor.

War dieser Ankauf ein weiser Schachzug ? Und schon zu der Zeit weitere Planung vorhanden ? Wir wissen es nicht. Aber nicht ganz zwei Jahre später, am 19. November 1907, folgt eine Gesellschafterversammlung. Die Geschäftsführung will liquide Mittel bekommen, die Gesellschaft mit Nachschussverpflichtung fortzusetzen wird vorgeschlagen. Aber: Kein Gesellschafter will die liquiditätsenge Gesellschaft mit neuen Mitteln versehen. Der Vorschlag wird abgelehnt.

Erwartungsgemäss der nächste Vorschlag: Wenn kein Geld in die Gesellschaft gegeben wird, soll sie dann mit eigenen Mitteln ein Moratorium oder anderes Arrangement durchführen ? Oder soll Konkurs angemeldet werden ? Wir sehen hektische Diskussionen, eine Gruppe will die Fortsetzung, eine andere Gruppe will den Konkurs. Die Schlacht der Argumente wogt hin und her, jeder will jeden überzeugen - dann die Abstimmung und ihr Ergebnis:

115.000 M Stammkapital stimmen für ein Moratorium bzw. Arrangement. Doch 125.000 M (und damit die 10.000 M mehr) votieren für einen Konkursantrag. Ein kleiner Wirtschaftskrimi, Ende der Bayerischen Zuckerwarenfabrik. Ende einer GmbH. - Uns liegt das Protokoll über die Gesellschafterversammlung in originaler Abschrift vor.

KINGPAPERS MEINT: Eine seltene Geschichte mit überzeugenden Belegen. Es muss schliesslich nicht immer eine AG sein. Auch GmbH's haben die Wirtschaftsentwicklung vielfach und manchmal sogar überragend geprägt. Wir wünschen uns im HWP-Markt viel viel mehr dieser Geschichten.

Und es muss nicht alles richtig sein, was um die Kernurkunden geschrieben ist. HWP = Realität + Fantasie. Und so können wir nur hoffen, dass der jetzige Eigentümer dieser regionalen Branchenurkunden sie irgendwann einem Heimat- oder Branchensammler zu Recherchezwecken übergibt und wir dann erfahren, was wirklich dran ist an des Königlichen Rats & Guts- und Brauereibesitzers Engagement in der Zuckerwarenfabrik.




Die Antwort der Familie:


Nun erreicht uns von einem österreichischen Angehörigen der Familie eine Stellungsnahme zu unserem Beitrag, die wir natürlich gerne aufgreifen:


Mit Interesse habe ich den Artikel über die Vorgänge rund um die Bayerische Zuckerwarenfabrik GmbH gelesen. Da dahinter historisches Interesse zu stehen scheint, erlaube ich mir als Urenkel des Königlichen Ökonomie-Rates, Guts- und Brauereibesitzers Josef Aichbichler, ein wenig von meinem Wissen über diese damaligen Vorgänge mitzuteilen.

Zu den genannten Personen:

Mein Urgroßvater Josef Aichbichler war u.a. auch über 25 Jahre lang Abgeordneter zum Bayerischen Landtag und wohl 18 Jahre lang Abgeordneter zum Deutschen Reichstag. Er war sein Leben lang in der industriellen und landwirtschaftlichen Strukturenentwicklung insbesondere in Bayern, darüber hinaus aber auch im gesamten Reichsgebiet mit Schwerpunkt rheinisches Hüttenwesen und Bergbau engagiert. (z.B. seine Rolle beim Bau der Eisenbahnen in Niederbayern, Kokereien im Rheinland, Hopfenanbau etc.)

Seine Tochter Magda war mit Josef Senger, gelernter Apotheker, verheiratet, der aufgrund seines guten Auftretens und Aussehens ein guter Verkäufer war, zugleich voller Initiative und Phantasie.

Anna Enk war die jüngere Schwester von Magda Senger, beide geb. Aichbichler, und war als geschäftlich völlig Uninteressierte, etwa 22-jährig, im Vertrauen auf die Tüchtigkeit von Senger in die Geschäftführung delegiert und somit sicherlich nicht selbständig bei der Geschäftsführung entscheidungsfähig.

Es gab einen älteren Bruder, Josef Aichbichler, Kraftwerksbauer, Elektroingenieur, Abenteurer und infolge eines Autounfalles 1905 gesundheitlich beeinträchtigt, Xaver Aichbichler, Linguist und Priester, und meinen Großvater als jüngster Bruder, Bayerischer Kavallerie-Offizier (schwere Reiter Landshut), der Ende 1906 nach Kärnten, Österreich, übersiedelte, wo er meine Großmutter geheiratet hatte.

Es ist dies deshalb von Bedeutung, da sämtliche wirtschaftlichen Agenden von meinem Urgroßvater in die Hände seines Schwiegersohnes Josef Senger als Generalbevollmächtigten gelegt worden waren. Mein Urgroßvater selbst war mit "Größerem" und Politik beschäftigt und seine Kinder waren auch nicht gerade mit dieser "schnöden" wirtschaftlichen Realität beschäftigt.

Die Bonner Industrie Gesellschaft war auch das Eigentum meines Großvaters und wurde von Josef Senger geleitet und so wie auch andere industrielle Beteiligungen meines Urgroßvaters vertreten. Mein Urgroßvater Josef Aichbichler hat auch gerne einige Bürgschaften für industrielle Projekte übernommen, solange diese einer gewissen Strukturverbesserung zugute gekommen waren. Die Geschäfte führte also Josef Senger und 1906 war bei der Bonner Industrie Gesellschaft durch unglückliche Grubeninvestitionen bereits eine gewisse Überschuldung eingetreten, was aber noch ein paar Jahre von Senger verdeckt werden konnte. Er hatte sichtlich seine Schwägerin Anna Enk benützt, um die Liquidation der Zuckerwarenfirma unauffälliger vornehmen zu können, damit diese auf die Bonner Industrie Gesellschaft nicht zurückschlägt.

Interessanterweise wurde Josef Senger mit seiner Familie von der Familie Weigl 1909 / 10 fürsorglich aufgenommen und in deren Villa in München unentgeltlich beherbergt, als in dieser Zeit das ganze Imperium zusammengebrochen war und nach 1910 auch das gesamte Vermögen meiner Familie in die Haftungen und Bürgschaften, auch des Herrn Senger, über Verwertungen und Versteigerungen geflossen war. Es ist nicht ganz sicher, ob nicht auch der Anteil der Familie Weigl der Finanzierung 'Senger' gedient hatte oder zumindest ob nicht diese Anteile auch durch Bürgschaft "Aichbichler" gedeckt gewesen waren.

Jedenfalls war man in meiner Familie immer stolz darauf, daß niemand außerhalb der nächsten Familie irgendeinen Schaden davongetragen hatte und die Gemeinde Wolnzach bekennt sich noch heute zu meinem Urgroßvater, wo er auch einige Jahre Bürgermeister gewesen war. Man bedenke auch, daß alle seine Ämter damals noch rein ehrenamtlich waren und keinerlei Einkünfte brachten.









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