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Was ist der Barov-Wertpapierbestand ?


Eine kleine historische Betrachtung zum besseren Verständnis.


Wertpapiere sind eigentlich älter als das Papier, sie waren auf Tierhaut, auf Papyrus, auf Holz und anders gebildet. Schon immer hat die Kaufmannschaft und das Geldverleihgewerbe schriftliche Verpflichtungen begründet. Das geschah absolut regelmässig beim Essen und Trinken; ein ausreichendes Mahl war Antrieb für die Geschäftstätigkeit und - je besser die gereichten Gaumenfreuden - zugleich Anlass für Geschäftstüchtigkeit. Eine gute Tafel brachte gute Abschlüsse.

Und wenn alles besprochen war und die Schreiber mit den Urkunden beschäftigt waren bereitete sich alles auf die abschliessende "Völlerey & Sauferey" vor. Anlässlich dieses Feier wurden die unterzeichneten Ausfertigungen der Geschäftsurkunden über die Tafel überreicht. So entstand der Begriff der "Tafelpapiere" und das "Tafelgeschäft" (das sein Ende in Deutschland erst mit der Einführung der Quellensteuer vor einigen Jahren gefunden hat).

Die Begebung der ersten Wertpapiere aus richtigem Papier geschah ähnlich, aufgrund fehlender Zeit allerdings regelmässig mit weniger Tafelfreuden, eine in den weiteren Jahren immer weiter abflachende Tendenz, leider. Die Papiere aber gingen über den Tisch, sie wurden effektiv ausgehändigt. In heimischen Truhen, Schränken und danach in Tresoren fristeten sie ein anfälliges Dasein, manches Mal Speise für Maus und Ratte, verbrannt, geflutet, geraubt, verloren, vergessen ... Und die "Penny Stocks" in den Vereinigten Staaten sollen die sprichwörtlichen Waschweiber bekanntlich in den Unterröcken verwahrt haben.

Probleme über Probleme - und immer mehr Wertpapiere erreichen den Markt. Die Stimmen der Anleger verlangen eine bessere Verwahrmöglichkeit, bei konzentrierten Vermögen sind nun schon hauptberuflich Kuponschneider und Kassierer am Werk. Die ersten bankartigen Gebilde entstehen. Darlehens- und Kassenvereine mit unterschiedlichen Aufgaben und Zielen, nicht immer die später typischen Bankgeschäfte im Auge. Mit Übernahme der Effektenverwaltung und Effektenverwahrung im Zentraltresor sind erste und wichtige Schritte getan. Weitere Aufgaben gehen an die Bankgebilde, sogar das Recht zur Notenausgabe (Geldscheindruck) mit entsprechenden Tendenzen zum inflationären Druck ungesicherter Umlaufmittel, mit Liquidationen und Bankrotteuren und mit dem Ruf nach staatlicher Regelung des Wildwuchses.

Es dauert Jahre. Erste zentralisierte Banken wie in Preussen übernehmen die bank-hoheitlichen Aufgaben. Die Preussische Bank müht sich ab, sie erreicht aber die Vereinheitlichung des Geldwesens in dem zersplitterten Deutschland nicht. Erst mit der Gründung des Deutschen Reiches kommt es zur Einigung auf eine zentrale Geldpolitik durch die nun geschaffene Deutsche Reichsbank in Berlin.

Die Reichsbank ist staatlich kontrolliert. Ihre Aufgabe ist u.a. die Schaffung einer einheitlichen deutschen Währung. Sie wird als aktien-rechtliches Unternehmen geführt und muss sich am Markt gegen die privaten Bankiers und Bankengesellschaften behaupten. Auch in der Verwahrung und Verwaltung der Wertpapiere; Anleihen und Aktien werden noch immer als effektive Druckwerke dem Anleger ausgehändigt. Der aber lässt die viel lieber in den sicheren Tresoren der staatlich garantierten Reichsbank und kassiert nurmehr seine Dividenden. So also kommt es, dass die Tresore der Reichsbank sich mehr und mehr mit den Wertpapieren gefüllt haben. Bis zum Ende des II. Weltkriegs.

Der Rest ist schnell erklärt: Nach der Aufspaltung Deutschlands in Ost und West war die Reichsbank im Osten, in der DDR, verblieben, die Tresore voll mit vielfach alten Wertpapieren. Manches Papier soll seinen Weg aus dem Reichsbanktresor durch DDR-Devisenbeschaffer in den Westen gefunden haben. Der Rest bliebt bis zur Grenzöffnung im Tresor der ehemaligen Reichsbank. Es kommt zum Einheitsvertrag, verlorene Vermögenswerte sind nach bestimmten Kriterien an die enteigneten Eigentümer zurückzugeben. Als solche sind auch enteignet die Inhaber der Wertpapiere im Reichsbanktresor, sie können Rückgabeansprüche stellen - die Gesellschaften indessen gibt es meist nicht mehr, die Papiere sind inhaltsleer und nur noch Sammlerstücke.


Das neue Amt und die Teilung der Bestände.

Für die Abwicklung der Rückgabe- und Entschädigungsansprüche wird ein spezielles Amt geschaffen: Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen, kurz: BAROV. Das Amt entdeckt eine Unzahl effektiver Wertpapiere, Schreckenszahlen von ca. 30 Mio. effektiven Stücken machen die Runde, das Amt bestätigt in einer Anhörung vom 17.01.1997 diese Zahl. Wahrscheinlich ist sie durch ungeklärte Fehl- und Schadenposten (Brand, Wasser etc.) etwas geringer. Erste Beruhigung dann aber: Die ca. 30 Mio. Wertpapiere verteilen sich "nur" auf etwas mehr als 8.000 unterschiedliche Emissionen (rechnerisch sind damit durchschnittlich 3.750 Papiere pro Emission vorhanden).

Die HWP-Marktteilnehmer, die sonst ihre Bestandszahlen vielfach strengstens geheimhalten, verlangen nun - grösstenteils einvernehmlich - die Zählung und Bekanntgabe der Bestandsliste mit Auflagenzahl. Das Amt resigniert vor dem allseitigen Wunsch, vielleicht ist es auch zur Inventarisierung und Publizierung verpflichtet. Das aber wird dauern, Jahre und nochmals Jahre, auch wenn im Markt immer wieder nach Hergabe der Papiere gedrängt wird. Immerhin wird bekanntgegeben, dass die Berechtigten (frühere Eigner oder deren Rechtsnachfolger) 4.000 Anträge auf Rückgabe gestellt haben.

Nach dem sog. Ergebnisprotokoll der Anhörung 1997 bezieht sich jeder Antrag auf durchschnittlich 25-30 Positionen. Das bedeutet 4.000 Anträge mit 27,5 Positionen = ca. 110.000 Einzelansprüche auf Rückgabe. Wer sind die Antragsteller ? Wohl kaum Privatiers, eher wohl Banken, Versicherungen u.a. In dem Fall ist zu hoffen, dass die Anträge vornehmlich Anleihen, Schuldverschreibungen, Pfandbriefe, Hypothekenpfandbriefe etc. betreffen, Aktien jedoch kaum. Wichtig zu wissen: Wenn ein Antrag auf Rückgabe vorliegt ist die betroffene Emission in der geltend gemachten Höhe gesperrt. Das BAROV kann dann nicht zugunsten der Versteigerung verfügen; vielmehr ist erst die rechtskräftige Entscheidung über den Rückgabeantrag abzuwarten..

Die anderen Papiere hat das Amt für eine Verwertung (durch Auktion) vorgesehen. Aufgrund der Benecke-Zählung aus 1999 wird von etwa 1,5 Mio. Wertpapieren gesprochen, verteilt auf etwa 3.000 Positionen/ Gesellschaften. Die 4.000 durch Anträge blockierten Emissionen und die 3.000 von Benecke hochgerechneten Positionen lassen die Unsicherheit der bisherigen Erfassung mit etwa 1.000 - 1.800 Posten erkennen. Ich meine: das klärt sich beizeiten. Für 2003 sind nun erste Verwertungsauktionen vorgesehen - s. die BAROV-Pressemeldung. Das sind aber - und darauf kann man nicht oft genug hinweisen ! - nur die nicht anspruchsbelasteten Papiere.


Was bringt die Zukunft ... - hier eine Meinung:

Die restlichen Emissionen werden weiterhin wie ein Damoklesschwert über dem Markt hängen. Denn bei Rückgabe an den Berechtigten sind die Papiere dem Markt verfügbar, bei endgültiger Ablehnung des Antrags gibt das BAROV die Papiere in eine Auktion und damit auch in den HWP-Markt. Also kommen 30 Mio. Papiere und damit 30 Mio. Probleme auf uns zu. Denn bisher ist nicht einmal klar, wie die Verwertung der bisher verfügbaren anspruchsfreien Papiere geschieht. Und was werden die Grossisten, Händler, Sammler oder wer auch immer mit den dann ersteigerten Papieren machen ?! Wird es vernünftig im Sinne eines ausbauenden Marktes geschehen ... - oder wird der Markt von den Papieren geradezu erschlagen ?

Oder können Sie sich vorstellen, wie man 5.000 AG Hotel Bellevue zu Dresden (100 Thaler 1872) oder 6.000 Chemische Werke H.E. Albert (1.000 M 1985) oder 4.500 Leipziger Malzfabrik in Schkeuditz (300 M/Th. 1873) verwertet ??? Ergebnis: eigentlich Panik, Ausverkauf, Baisse ...

Doch der Markt scheint mir - noch - stabilisiert, es wird gekauft und gehortet. BAROV-Papiere werden eher einmal verkauft, dafür von vielen Insidern nicht gekauft, Neulinge sind prädestiniert für blutige Nasen. Mögen sie sich endlich die BAROV-Bestandslisten besorgen und auch einmal hineinsehen. Fazit: BAROV-Papiere mit spürbarer Auflage "kitzeln" die dazu vorhandenen Bestände der Händler und des einen oder anderen Sammlers hervor. Der Markt nimmt die Preisanpassung vorweg.

Und was alt ist und vom BAROV-Bestand nicht betroffen ? Das wird immer weniger, das geht immer langsamer um, das wird festgehalten. Die Marktteilnehmer wissen genau, dass die BAROV-Bestände nur und ausschliesslich über neue Sammlerkreise vermarktet werden können. Das aber bedeutet zwangslogisch eine Verknappung der jetzt auf dem Markt vorhandenen Effekten.

Mein Ergebnis: BAROV ist Chance für den Markt. Risiko jedoch für denjenigen, der mit den Papieren in der Hand scheitert. Doch wenn er gewinnt, dann richtig und für lange Handelszeiten mit positiver Tendenz.


Autor: Andreas Hardt


Geschrieben nach bestem Wissen, aber ohne Gewähr.


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